Langer Aufenthalt, grosse Fortschritte: Der Alltag von Oluyomi und Eni-Ola

Langer Aufenthalt, grosse Fortschritte: Der Alltag von Oluyomi und Eni-Ola

schrieb am 08.04.2026

Seit Februar 2025 sind viele Monate im Leben von Eni-Ola vergangen. Lange Monate fern von ihrer Heimat Benin, um die grundlegendste Fähigkeit neu zu erlernen: das Essen. In La Maison ist sie auf diesem Weg nicht allein. Die dreijährige Oluyomi durchlebt dieselbe Tortur. Aufgrund von Erkrankungen der Speiseröhre werden die beiden kleinen Mädchen für einen Langzeitaufenthalt aufgenommen. Ihre Geschichte zeichnet das Bild einer Betreuung, die medizinische Professionalität und menschliches Engagement vereint. Begegnung mit drei Mitgliedern des Teams, die Tag und Nacht über sie wachen.

Von Sanja Blazevic

Ein beruhigender Rückzugsort

Im sanften Halbdunkel des Kinderzimmers wiegt Oluyomi, halb wach, ihr Kuscheltier. Es ist 21:30 Uhr, ein ganz normaler Abend im Pavillon, einem der Wohngebäude von La Maison. Das dreijährige Mädchen, das in seinem Bett liegt, wird über eine Magensonde ernährt. Sie wurde mit einer Ösophagus Atresie geboren, einer angeborenen Fehlbildung, bei der die Verbindung zwischen Mund und Magen unterbrochen ist.

Aurélie Vouillamoz, Nachtwächterin bei La Maison, kümmert sich liebevoll um sie. „Die nächtliche Ernährung stört die Erholung der Kinder nicht, die zu dieser Zeit meist schon schlafen. Oluyomi schenkt uns meist nur ein Lächeln und versinkt dann wieder in ihren Träumen“, erklärt sie.

In einem Nachbarzimmer atmet die siebenjährige Eni-Ola tief durch, das Foto ihrer Eltern unter ihrem Kopfkissen. Sie muss nicht mehr über eine Sonde ernährt werden, seit sie trotz ihrer Ösophagus Stenose wieder essen gelernt hat. Seit ihrer Ankunft in La Maison im Februar 2025 hat sie ein ganzes Jahr der Pflege hinter sich. An manchen Abenden bringt sie, zusammen mit ihrer Freundin Soumaya, mit ihrem kindlichen Lachen, Freude an diesen besonderen Ort.

Aurélie, eine der Nachtbetreuerinnen von La Maison, überwacht Oluyomis nächtliche Nahrungsaufnahme.
Aurélie, eine der Nachtbetreuerinnen von La Maison, überwacht Oluyomis nächtliche Nahrungsaufnahme.

Eine lange Zeit der Genesung

Die meisten Kinder bleiben durchschnittlich drei Monate lang in „La Maison“. Diejenigen, die eine längere Betreuung benötigen, insbesondere bei Verengungen oder Verschlüssen der Speiseröhre, bleiben mehrere Monate, manchmal sogar über ein Jahr. Gerade für diese Kinder entwickelt sich eine feste Routine, die aus kleinen täglichen Anhaltspunkten und einer wachsenden Nähe zum Pflege- und Betreuungspersonal besteht.

Für Oluyomi und Eni-Ola verläuft die Genesung trotz unterschiedlicher Erkrankungen ähnlich. Beide unterziehen sich einer oder mehrere chirurgische Eingriffe zur Wiederherstellung ihrer Speiseröhre. Danach beginnt ein langer Rehabilitationsprozess, in dessen Verlauf sie das Essen lernen oder wiedererlernen – eine so selbstverständliche Handlung, welche die meisten Kinder mühelos beherrschen.

„Für die langfristige Betreuung ist es wichtig, einen kohärenten und beständigen Ansatz über einen längeren Zeitraum zu verfolgen und zusätzliche Stabilität zu bieten, damit das Kind wieder auf die Beine kommt. Eine neue Herausforderung ergibt sich, da wir pädagogische Ziele festlegen müssen, an denen über mehrere Monate hinweg gearbeitet werden kann“, erklärt Eloïse Borgeaud, Erzieherin bei La Maison, die parallel dazu einen interdisziplinären Masterstudiengang im Bereich Kinderrechte absolviert.

Diese Stabilität wird umso wichtiger, als diese Kinder eine emotional komplexe Situation durchleben. Die Trennung von ihrer Familie, die wiederholten chirurgischen Eingriffe, die zwar notwendig, aber körperlich belastend sind: All dies erfordert eine besonders aufmerksame Betreuung. „Unsere Aufgabe ist es, sie in diesem Prozess bestmöglich zu unterstützen“, erklärt Eloïse.

Stécy Robert, eine der Krankenschwestern von La Maison, fügt hinzu: „Oluyomi und Eni-Ola haben sich beide erheblich weiterentwickelt. Das ist für uns eine grosse Freude, aber vor allem für sie, die stolz darauf sind, uns ihre Fortschritte und ihre Gewichtszunahme zu zeigen – eines der Anzeichen für ihre gute Genesung.“

Eine Beziehung, die wächst

In diesem ganz besonderen Kontext nimmt die Beziehung, die sich zwischen den Kindern und dem Personal von La Maison entwickelt, eine seltene Dimension an. „Es ist eine einzigartige Verbindung, die man sonst nirgendwo im Krankenhausumfeld findet, wo Kinder in der Regel von ihren Eltern begleitet werden“, bemerkt Stécy. „Das Kind wird zu unserem bevorzugten Ansprechpartner, ihm stellen wir alle Fragen, es steht im Mittelpunkt von allem.“

Zu den Kindern, die länger bleiben, entwickelt sich eine ganz besondere Verbundenheit. „Wir werden zu ihrer zweiten Familie, zu ihrem Anker in einem Land, das sie nicht kennen“, sagt Stécy. „Die Beziehung vertieft sich mit der Zeit“, bestätigt Aurélie.

Diese Nähe zeigt sich in den Gesten des Alltags, die von Zuneigung geprägt sind. Jeden Morgen kommt Oluyomi vorbei, um dem Pflegeteam Hallo zu sagen. Trotz anfänglicher Widerstände bei der postoperativen Versorgung hat sich ganz natürlich ein Vertrauensverhältnis entwickelt.

Stécy fährt fort: „Sie hat wiederholt Operationen über sich ergehen lassen müssen, behält aber immer ihr Lächeln. Sie ist ein wahrer Sonnenschein. Sie zeigt auch Willenskraft und ist für ihr Alter sehr widerstandsfähig.“

Eni-Ola wiederum bringt eine besondere Energie in den Pavillon, der für einige Monate zu ihrem Zuhause geworden ist. „Sie ist ein sehr fröhliches Kind mit einer ansteckenden Lebensfreude. Ihr schallendes Lachen bringt Farbe in unseren Alltag “, berichtet Eloïse bewegt. „Und sie liebt es, Streiche zu spielen. Morgens stehen sie mit ihren Zimmerfreundinnen früher auf, um sich vor meiner Ankunft zu verstecken. Dieses kleine Ritual hebt die Stimmung der anderen Kinder und bietet eine Auszeit von der Krankheit.“

Eni-Ola ihrerseits bringt eine besondere Energie in den Pavillon, der für einige Monate zu ihrem Zuhause geworden ist. „Sie ist ein sehr fröhliches Kind mit einer ansteckenden Lebensfreude. Ihr schallendes Lachen bringt Farbe in unseren Alltag“, berichtet Eloïse bewegt. „Und sie liebt es, Streiche zu spielen. Morgens stehen sie mit ihren Zimmerfreundinnen früher auf, um sich vor meiner Ankunft zu verstecken. Dieses kleine Ritual hebt die Stimmung der anderen Kinder und bietet eine Auszeit von der Krankheit.“

An der Seite von Eloïse, einer Erzieherin, geniessen Eni-Ola und Oluyomi die Wintersonne beim Spielen.
An der Seite von Eloïse, einer Erzieherin, geniessen Eni-Ola und Oluyomi die Wintersonne beim Spielen.

„Es geht darum, das Kind zu unterstützen, ohne die anderen wichtigen Bezugspersonen in seinem Leben zu ersetzen.“

Eloïse Borgeaud, Erzieherin

Die Pflege des „Herzens“

Über die medizinischen Handgriffe und Protokolle hinaus prägt ein zutiefst menschlicher Aspekt die Arbeit in La Maison. „Wenn wir abends unseren Dienst antreten rennen die Kinder, die noch wach sind, uns entgegen, um uns zu umarmen. Diese besonderen Momente sind für mich das Schönste“, erzählt Aurélie.

Nachts wird die Nähe noch intensiver. „Als Nachtbetreuerin sind manche Abende sehr anstrengend. Wir sind allein, jede in ihrem Gebäude, in La Maison oder im Pavillon, und kümmern uns um etwa zwanzig Kinder. Wenn sie aufwachen, dann meist wegen eines Albtraums, wegen Schmerzen, weil sie Angst haben oder sich nicht wohlfühlen“, erzählt Aurélie. „Wir können ihnen ein Schlaflied vorspielen, ihnen einen Kakao zubereiten, ihnen ein Medikament geben oder eine Wärmflasche. All das spendet ihnen Trost, aber was am wichtigsten ist, ist unsere Anwesenheit. Meistens, vor allem bei den Kleinsten, reicht es schon aus, bei ihnen zu bleiben, um sie zu beruhigen.“

Intimität kommt auch bei Fragen zu körperlichen Veränderungen zum Tragen, wobei dieser Austausch einen wichtigen Raum für den Dialog schafft. „Die Kinder fragen uns manchmal nach ihren Operationsnarben, wie Eni-Ola, die wissen wollte, ob sie diese für immer behalten würde. Wir erklären ihnen, dass sie damit aufwachsen werden, dass diese Spuren ein Leben lang bleiben“, fügt Stécy hinzu.

„Bindung ist ein Grundbedürfnis des Kindes, unverzichtbar für seine Entwicklung. Vor dem Hintergrund der temporären Trennung von seiner Familie, seiner Kultur und allem, was sein Alltagsuniversum ausmacht, sind die Vertrauensbeziehungen, die es zu uns aufbaut, entscheidend“, betont Eloïse. Doch diese emotionale Nähe muss mit grosser professioneller Sorgfalt gehandhabt werden. „Sie entsteht gemeinsam mit dem Kind, indem wir ihm klarmachen, dass unsere Begleitung zeitlich begrenzt ist, nämlich auf die Dauer seines Aufenthalts. Es geht darum, das Kind zu unterstützen, ohne die anderen wichtigen Bezugspersonen in seinem Leben zu ersetzen.“

„Mittlerweile Oluyomi spricht. Und sie kann essen, obwohl sie das zuvor nie konnte.“

Stécy Robert, Krankenschwester

Sich darauf vorbereiten, „Auf Wiedersehen“ zu sagen

Sich der Vorläufigkeit der Beziehung bewusst zu sein, bereitet auch auf die Trennung vor, wie Stécy erklärt. „Die Kinder kehren in ihre Heimatländer zurück, und man muss die Dinge relativieren können.“

Für Eni-Ola ist dieser Schritt umso sehnlicher, als sie kürzlich einen kleinen Bruder bekommen hat. „Sie sagt uns, dass sie es kaum erwarten kann, ihn kennenzulernen. Es wird ihr wahrscheinlich relativ leicht fallen, abzureisen, auch wenn es für die meisten Kinder in diesem Moment immer eine Mischung aus Freude und Wehmut ist“, ergänzt Stécy.

Das Team entwickelt Strategien im Vorfeld dieses Übergangs, insbesondere bei längeren Aufenthalten. „Wir bereiten die Abreise vor, indem wir gemeinsam mit dem Kind die verbleibenden Nächte zählen, damit es begreift, dass es nach Hause geht“, erklärt Eloïse. „Wenn möglich, bleiben wir während des gesamten Aufenthalts des Kindes mit der Familie in Kontakt. Bei Eni-Ola zum Beispiel telefonieren wir regelmässig per Video mit ihren Eltern, was ideal ist, damit sie ihre Bezugspunkte behält.“

Trotz der Zuneigung erlebt das Team die Trennung positiv. „Es ist ein Erfolg, weil wir es geschafft haben, dem Kind ein besseres Leben zu bieten“, bekräftigt Stécy. Bei Oluyomi ist der zurückgelegte Weg besonders beeindruckend. „Mittlerweile spricht sie. Sie hat keine Ösophagostomie mehr, also kein Loch im Hals, das angelegt wurde, damit ihr Speichel abfliessen kann. Und sie kann essen, obwohl sie das zuvor nie konnte. Die Entscheidung ihrer Eltern, sie alleine gehen zu lassen, war nicht umsonst“, stellt die Krankenschwester zufrieden fest.

Oluyomi und Eni-Ola werden sich somit nach ihrer Rückkehr nach Benin normal ernähren können. Die Ältere spielt gerne mit dem Spielzeug-Küchenset und backt Kuchen für Eni-Ola. Letztere ist ihrerseits ganz verrückt nach Brotscheiben mit Erdnussbutter. „Ich esse sie dreimal am Tag. Morgens, zum Nachmittagssnack und abends“, sagt sie verschmitzt.

Ein Jahr lang durchliefen Oluyomi und Eni-Ola einen ähnlichen Weg, um wieder normal essen zu können, umgeben von der Fürsorge des Personals von La Maison.
Ein Jahr lang durchliefen Oluyomi und Eni-Ola einen ähnlichen Weg, um wieder normal essen zu können, umgeben von der Fürsorge des Personals von La Maison.

Zum Zeitpunkt der Abreise

Die Abflüge finden oft im Morgengrauen statt, zwischen sechs und sieben Uhr oder noch früher, je nach Flugplan nach Genf. Diese ruhigen Stunden haben etwas Besonderes an sich. „Manchmal sind die Kinder noch ein bisschen schläfrig. Sie sind die Einzigen, die auf sind, oder zu zweit oder zu dritt, wenn sie in einer kleinen Gruppe abreisen. So können wir noch ein paar letzte Momente miteinander teilen, bevor sie gehen“, fasst Aurélie zusammen.

„Natürlich zieht es uns ein bisschen das Herz zusammen“, gibt die Nachtwächterin zu. „Aber wir freuen uns so sehr für sie. Sie sind versorgt und werden zu ihren Familien zurückkehren. Ich empfinde das nicht als traurig, sondern eher als ein Gefühl der Hoffnung für ihre Zukunft.“

Ihrer Erfahrung nach reagieren die Kinder im Allgemeinen sehr gut auf diese Veränderung. „Das pädagogische Team berichtet uns oft, dass es für das Kind schwierig war, sich von den Erziehern und seinen Freunden zu verabschieden, vor allem nach einem langen Aufenthalt. Aber morgens, wenn es sich bereit macht für die Abreise, spürt man eine echte Vorfreude auf die Rückkehr“, bemerkt sie.

Für Eloïse ist die Entlassung der Höhepunkt eines langen Weges zur Genesung. „Es ist wunderbar, sie nach all den durchlebten Prüfungen so voller Energie zu sehen. Sie rennen, spielen und blicken voller Begeisterung in die Zukunft.“

An diesem Ort, an dem Zuwendung und Fürsorge Hand in Hand gehen, stehen Oluyomi und Eni-Ola stellvertretend für jene Kinder, die fern ihrer Heimat und ihrer Familien Trost und Geborgenheit in den Händen und Worten des Teams von La Maison finden. Ihre Geschichte zeugt vom empfindlichen Gleichgewicht zwischen der für die kindliche Entwicklung notwendigen Bindung und der gesunden Distanz, die es ermöglicht, die Trennung gelassen vorzubereiten. Ein Gleichgewicht, das jeden Abschied nicht zu einem Ende, sondern zu einem gemeinsamen Erfolg macht, der durch eine aussergewöhnliche Solidaritätskette ermöglicht wird.