Estelle und Kevin: Hand in Hand zur Heilung

Estelle und Kevin: Hand in Hand zur Heilung

schrieb am 05.01.2026

Während ihrer langen Genesungswochen im La Maison knüpfen die Kinder starke und intensive Beziehungen zueinander. Die Krankheit bringt sie einander näher, ebenso wie das Leben in einer grossen Familie. Einige Freundschaften zeichnen sich durch ihre besondere Tiefe aus, wie die zwischen Kevin und Estelle, fünf und acht Jahre alt.

Von Sanja Blazevic

Mutige Gefährten

Die beiden Kinder wurden mit einem Herzfehler geboren und wachsen in Madagaskar auf, einem der ärmsten Länder der Welt, in dem der Zugang zu medizinischer Versorgung nach wie vor stark eingeschränkt ist. Estelles Symptome beunruhigen ihre Eltern: Sie hustet, leidet unter wiederholten Bronchitis-Anfällen und hat bei Anstrengung Schmerzen in der Brust. Das kleine Mädchen leidet tatsächlich an einem Vorhofseptumdefekt. Diese Erkrankung ist durch ein „Loch im Herzen” gekennzeichnet, d. h. eine abnormale Öffnung zwischen den beiden Vorhöfen. Wie das medizinische Team von La Maison betont, kann die Operation zur Behebung dieses Defekts relativ einfach sein, wenn die Öffnung nicht zu gross ist, aber in ihrem Land, in dem es an medizinischen Ressourcen mangelt, ist sie unmöglich durchzuführen.

Kevins Fall ist komplexer. Er leidet an einer potenziell tödlichen Herzerkrankung, die zu Sauerstoffmangel in seinem Körper führt. Mit zweieinhalb Jahren wird er in Frankreich operiert, aber der Verlauf seiner Erkrankung erfordert einen zweiten Eingriff.

Estelle und Kevin werden gemeinsam von unserem Partner Mécénat Chirurgie Cardiaque aus Madagaskar in die Schweiz geflogen. Diese Reise fernab von ihrer Familie schweisst sie sofort zusammen.

Célia Lecocq, eine der Krankenschwestern von La Maison, hebt ihre Widerstandsfähigkeit hervor: „Unsere Bewohner zeigen bewundernswerten Mut. Das Vertrauen ihrer Eltern ist ebenso bemerkenswert: Sie lassen uns ihr Kind behandeln, in der Hoffnung, dass es geheilt zurückkehrt.“

Unzertrennlich angesichts der Krankheit

Die beiden jungen Madagassen, die ein sehr enges Verhältnis zueinander haben, werden füreinander zu einer Bezugsperson. „Sie sprechen dieselbe Sprache, haben dieselbe Hautfarbe und kommen aus demselben Land. Kevin versteht Französisch nicht sehr gut, daher übersetzt Estelle ihm alles. So kann er sich besser integrieren und den Tagesablauf leichter verfolgen“, erklärt Melody Methot, eine unserer Erzieherinnen.

Über ihre Rolle als Dolmetscherin hinaus ist Estelle für Kevin zu einem echten Vorbild geworden, wie eine grosse Schwester. In den ersten Wochen im Heim sucht Kevin ihre beruhigende Gegenwart und folgt ihr überallhin. „Normalerweise schlafen Mädchen und Jungen getrennt“, fügt Melody hinzu. „Aber die Schlafenszeit ist für Kinder immer eine heikle Angelegenheit. Deshalb wollten wir es langsam angehen lassen und sie im selben Zimmer schlafen lassen, bis sich die Trennung ganz natürlich vollzieht.“

Ihre Genesung im La Maison hat Kevin und Estelle, fünf und acht Jahre alt, einander nähergebracht.
Ihre Genesung im La Maison hat Kevin und Estelle, fünf und acht Jahre alt, einander nähergebracht.

„Die starken Bindungen, die zwischen den Kindern entstehen, lindern ihren Schmerz.“

Melody Methot, Erzieherin

Vor der Operation: eine beruhigende Betreuung

In La Maison arbeiten Pflege- und Erziehungspersonal ständig zusammen, insbesondere bei der Vorbereitung auf die Operation. Dies gilt auch für die medizinischen Partner, um eine Kontinuität in der Betreuung zu gewährleisten. „Wir übermitteln dem Krankenhaus ein Informationsblatt über die Behandlungen des Kindes und seine Lebensgewohnheiten. So kann die Betreuung vor Ort angepasst werden“, erklärt Célia.

Im Vorfeld ist die psychologische Vorbereitung von entscheidender Bedeutung. „Wir erklären ihnen die Operation entsprechend ihrem Alter und ihrem Verständnis. Wir beruhigen sie hinsichtlich des Eingriffs, aber auch hinsichtlich der Umgebung, in der sie sich aufhalten werden: das vor Ort anwesende Koordinationsteam, die Patinnen, die ihnen Hallo sagen werden, und die Freunde aus La Maison, die bereits im Krankenhaus sind und die sie wiedersehen können. Unterstützung kommt auch von den operierten Freunden, die nicht zögern, andere zu trösten und stolz ihre Narben als Zeichen des Sieges zu zeigen“, fährt Krankenschwester Emilie Tiquet fort.

Innerhalb des pädagogischen Teams wird die Begleitung individuell auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes abgestimmt. „Einige sind zuversichtlicher, andere haben mehr Angst. Manchmal reicht eine einfache Umarmung. In anderen Fällen sprechen wir mit dem Kind, um seine Ängste zu beruhigen, oder teilen einen Moment der Stille mit ihm, damit es seine Gefühle zulassen kann“, erklärt Murielle Augier, eine weitere Erzieherin.

„Wir sorgen dafür, dass die Einweisung ins Krankenhaus so reibungslos wie möglich verläuft. Um den Kindern zu helfen, zu verstehen, was passieren wird, verwenden wir auch ein vom CHUV herausgegebenes Bilderbuch. Es ist eine wertvolle visuelle Hilfe für die Kleinsten und diejenigen, die kein Französisch sprechen.“

Mit Hilfe eines Bilderbuchs nimmt sich Erzieherin Murielle die Zeit, Estelle und Kevin zu erklären, was sie während ihres Krankenhausaufenthalts erwartet
Mit Hilfe eines Bilderbuchs nimmt sich Erzieherin Murielle die Zeit, Estelle und Kevin zu erklären, was sie während ihres Krankenhausaufenthalts erwartet.

Der Krankenhausaufenthalt: ein stiller Sieg

Für Kevin ist die bevorstehende Operation besonders belastend: Die Trennung von Estelle und seinen neuen Bezugspunkten erschüttert ihn. Am Abend vor dem Krankenhausaufenthalt des kleinen Jungen tröstet Estelle ihn beim Zubettgehen und wiegt ihn mit vertrauten Worten in ihrer Muttersprache in den Schlaf.

Im Universitätsspital Genf (HUG) ist Kevin von einigen Freunden aus La Maison umgeben, die zur gleichen Zeit wie er behandelt werden. Er wird gelassener und öffnet sich anderen gegenüber. „Diese vorübergehende Trennung hat ihm gutgetan. Jetzt spielen unsere beiden unzertrennlichen Freunde jeder für sich und schlafen in ihrem Zimmer mit ihren neuen Freunden aus La Maison“, beobachtet Melody.

Eine Zukunft, die es zu gestalten gilt

Estelle und Kevin sind Kinder mit einer ansteckenden Lebensfreude. Sie haben sich perfekt in das Gemeinschaftsleben von La Maison integriert. „Estelle hilft gerne den Kleineren, zum Beispiel beim Händewaschen, und deckt gerne gemeinsam mit den Erziehern den Tisch“, erklärt Murielle. Sie hat in Kevin einen Adoptivbruder gefunden und auch eine enge Beziehung zu Fatimata aufgebaut, einer 16-jährigen Beninerin, die ebenfalls am Herzen operiert wurde.

Estelle, die in Madagaskar zur Schule gegangen ist, setzt ihre Ausbildung in der Schule von La Maison fort. Was ihr am besten gefällt? Schreiben und Zeichnen, sagt sie mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Zusammen mit Gleichaltrigen besucht Kevin den Kindergarten, wo er unter anderem Buchstaben, Zahlen und Farben lernt.

Estelle erzählt, dass sie gerne mit ihren Puppen spielt, sowohl zu Hause als auch in La Maison. Wenn sie draussen spielt, fährt sie gerne mit dem Roller. Kevin fährt lieber mit dem kleinen Motorrad.

„Kinder haben eine echte Anpassungsfähigkeit“, fasst Melody zusammen. „Die starken Bindungen, die zwischen ihnen entstehen, lindern ihren Schmerz. Es ist bewegend zu sehen, wie sie trotz ihrer schweren Schicksalsschläge ihre Kindheit leben: Spass haben, lachen, spielen.“ Kostbare Momente der Normalität, in denen die Krankheit vorübergehend in den Hintergrund tritt.

Die Geschichte von Estelle und Kevin zeigt, dass Freundschaft eine der schönsten Kräfte auf dem Weg zur Genesung ist. Dank Ihrer Grosszügigkeit können Kinder wie sie medizinisch versorgt werden, sich entfalten und einfach leben.